Meine Biographie in Stichworten

Wenn es nach mir ginge, stünde da nur: Geboren 1943 in Rudolstadt/Thüringen, lebt in Wien. Schließlich gibt es ja - ab dem Jahr 1969 - die viel interessantere Biographie meiner Bücher (siehe Bibliographie). Aber mein Verlag wäre damit sehr unzufrieden, er wünscht sich Ausführlicheres.
Nun gut. Schule, ja, in Karlsruhe, wo ich aufwuchs und 1962 Abitur machte.
Als Kind rannte ich Schmetterlingen hinterher, hörte im Radio Benjamino Gigli singen, stand als kleiner Knirps in unserem Staatstheater selbst auf der Opernbühne und schrieb darüber kleine Geschichten in ein Schulheft. Besonders gefährlich setzte mir Puccinis "La Boheme" zu. Ich konnte es kaum abwarten, erwachsen, arm und ein Dichter zu sein und mich zu verlieben. Das alles behielt ich keineswegs für mich, sondern gab über meine Zukunftspläne auch zuhause bereitwillig Auskunft - was mich zum Sorgenkind meiner Mutter, aber zum Liebling all ihrer Freundinnen machte, die den so liebenswert romantischen Kindskopf ins Herz schlossen; die boshafteren unter ihnen mögen meinem Vater die Schwierigkeiten gegönnt haben, die ihm dieser Junge noch machen würde.
Das schönste Erlebnis meiner Schulzeit waren jene zwei Monate, in denen ich den Unterricht schwänzte und mich in Paris herumtrieb, fest entschlossen, nie mehr zurückkommen zu wollen. Ich war damals fünfzehn, war von zuhause abgehauen, hatte nichts als einen Gedichtband von Ezra Pound bei mir, lebte von ich weiß nicht was und war glücklich. Nur kannte ich so recht niemand und rief deshalb meinen Freund an, von dem ich wußte, daß er davon träumte, Pantomime werden und Marcel Marceau treffen zu können, und gab ihm deshalb meine Adresse (ich logierte inzwischen bei zwei US-Girls) - was dazu führte, daß nicht der erwartete Freund, sondern Polizisten der Interpol erschienen, die mich abführten, nach Hause verfrachteten, bzw. mich an der Grenze in Kehl meinen Eltern übergaben.
Also dann eben Abitur.

Zu den kostbaren Erinnerungen meiner Studentenzeit in Heidelberg gehören die Vorlesungen der beiden Philosophen Hans-Georg Gadamer (griechische Philosophie) und Karl Löwith (Nietzsche). Das Vergnügen dieser Jahre wurde weder in Göttingen noch in Frankfurt durch die Vorlesungen von Theodor W. Adorno, die ich hörte, überboten. Außerdem näherten wir uns dem Jahr 1968.
Ich habe erlebt, was es heißt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein - und hatte trotzdem Zeit, mein erstes Buch zu schreiben, das unter dem Titel ›Früher begann der Tag mit einer Schußwunde‹ 1969 veröffentlicht wurde, und das gleich bei einem der besten Verlage (Hanser). Ein einflußreicher, mir damals aber völlig unbekannter Herr namens Marcel Reich-Ranicki schrieb eine ziemliche Lobeshymne.
Was tun? War es wieder Zeit abzuhauen?
Ich schrieb ein nächstes Buch (›Ein Bauer zeugt mit einer Bäuerin einen Bauernjungen, der unbedingt Knecht werden will‹), und zwar im Büro einer Düsseldorfer Werbeagentur, die mich für ein für meine damaligen Verhältnisse unvorstellbar hohes Honorar, dem zu widerstehen ich nicht die Kraft hatte, als Sprachkünstler anheuern wollte. Geld war Freiheit, Unabhängigkeit, und es war, wie ich fand, wenn ich am Monatsanfang die Scheine einfach so in die Hosentasche stopfte, auf aufregende Weise schmutzig. Aber eigentlich war mir Geld gleichgültig, ehrlich! Was war Geld gegen meinem Traum, ein armer Dichter zu werden? Als das Buch nach vier Monaten fertig war, hatte ich genug und kündigte.
Zurück in Frankfurt - und mitten hinein in zauberisch träge Überlegungen, wie es mit meinem Leben weitergehen könnte - erreichte mich der Anruf des Dekans der germanistischen Abteilung der Universität Warwick, England, der mir dann eine Woche später tatsächlich in einem Café im Bahnhof in Frankfurt gegenüber saß und mich für ein Semester einlud, um ein Seminar abzuhalten. Warum nicht? Ich war zwar immer noch Student, an einem Aufenthalt im Ausland (in London, wo ich wohnen wollte, dem London der Beatles!) aber natürlich mehr interessiert als am Abschluß eines Staatsexamens.
Und immer mehr ging mir inzwischen auch das Tag und Nacht wie im Fieber produzierte intellektuelle Gewäsch der selbsternannten Revolutionäre auf die Nerven. Ich stand trotzdem noch lange bei denen, die uns observierten, als Sympathisant auf der Liste.
Das London der Beatles? Der Herbst und der Winter in London waren düster und kalt und wegen meiner Hilflosigkeit angesichts der hoffnungslos komplizierten Gemütszustände meiner damaligen Geliebten schwer durchzustehen. Außerdem war ich als wissenschaftliche Hilfskraft eine völlige Fehlbesetzung. Tauchen wir diese Monate in samtenes Vergessen.
Ich blieb nach meiner Rückkehr nur kurz noch in Frankfurt, um 1972 wegen der Produktion eines Hörspiels (›Maschine Nr.9‹), das meine letzte und wichtigste Arbeit in diesem Genre werden sollte, nach München zu ziehen; der dortige Bayerische Rundfunk war der Produzent.

Die siebziger Jahre in München, das beste Jahrzehnt meiner jungen Jahre. Ich lebte wieder (wie in den glücklichen Monaten damals in Paris) in den Tag hinein, in die Nächte, in den nächsten Morgen. Es gab Leute, die mich aufgaben, andere, die mich bedauerten. Es hieß, ich sei drogensüchtig. Es hieß, ich triebe mich im Milieu in St. Pauli herum, mit Huren, Zuhältern und Boxern. Ich war dafür richtig prominent.
Tatsache war, daß ich mit dem Schreiben trotzdem nie aufhörte, nur daß ich damals vor allem Gedichte schrieb, die ich, wozu mich Freunde überredeten,
Rocky Graziano und Wolf Wondratschek, Gleason’s Gym, New York

Rocky Graziano und Wolf Wondratschek, Gleason’s Gym, New York

Wondratscheks Chevrolet in der Nevada-Wüste

Wondratscheks Chevrolet in der Nevada-Wüste

in kleiner Auflage im Selbstverlag verlegte (und bei Zweitausendeins vertreiben ließ), was damals ganz nach Abschied aussah, und nach einem Mißerfolg. Aber siehe da: die Leute kauften und lasen sie, die Nachfrage stieg in geradezu phantastische Höhen, bald waren es Tausende, Abertausende von Exemplaren, die über die Ladentische gingen.
Und der Erfolg hielt an, jahrelang. Was für ein Wunder, mit Gedichten Geld zu verdienen! Genug jedenfalls, um abzuhauen und eine Zeitlang anderswo und anders zu leben, in New York (im Milieu des Berufsboxsports), on the road quer durch die Staaten, wo ich Reportagen schrieb, in Mexiko (auf den Spuren Malcolm Lowrys). Die weißen Jahre, als die ich sie in Erinnerung habe.

Die achtziger Jahre begannen mit einer Überraschung. Der Züricher Verleger Daniel Keel (Diogenes) hatte ein Interview mit mir gelesen und ließ mir mitteilen, mich treffen zu wollen. Ich warnte ihn, daß ich nichts, was ihn vermutlich interessieren könnte, also keine Erzählungen, keinen Roman, in der Schublade hätte. Ich hätte nicht mal Schubladen. Er wollte mich trotzdem treffen. Ich brachte ihm einige Gedichte eines gerade entstehenden Zyklus von Sonetten mit, meine später unter dem Titel ›Die Einsamkeit der Männer‹ erschienenen Lowry-Lieder. Und hatte eine Woche später einen Vertrag.
Eine Anekdote am Rande, über die ich mich bis heute amüsiere. Bestandteil des Vertrags war (auf meinen Wunsch hin) die Einladung zu einem Abendessen mit Friedrich Dürrenmatt. Das dann auch, wie es sich gehört, im besten Restaurant Zürichs, der legendären ›Kronenhalle‹, stattfand. Was für ein Mann das war! Und was für ein Kind! Und was für ein Erfinder von Theaterstücken! Und welch ein Genießer guter Weine! Und was für eine Ausdauer dabei! Kein Zweifel, da saß ein König (oder dessen Spaßmacher?).
Eine Zeitlang ging alles gut. Dann kam es bei den Vertragsverhandlungen zu meinem nächsten Buch, des langen symphonischen Gedichts ›Carmen oder Bin ich das Arschloch der achtziger Jahre‹ zum Krach - und Bruch. Ganz einfach deshalb, weil ich nicht wieder nur mit Geld entlohnt werden wollte, sondern mit Gold. Geben Sie mir eine Kiste Gold, hörte ich mich sagen. Ich dachte, daß das, wenn überhaupt wo, in der Schweiz möglich wäre. Irrtum!
Ich höre Dürrenmatt, als er von der Geschichte erfuhr, heute noch lachen.
Mit Keel, den ich als Verleger verehre, habe ich mich längst ausgesöhnt. Er schickt mir immer noch jede Weihnacht eine Kiste mit genau sechs Flaschen Rotwein, eigene Hanglage. Und ›Carmen‹ ist ja dann, 1986, doch noch in seinem Verlag erschienen, weil das Manuskript, wie er erfuhr, inzwischen in den Privatbesitz eines deutschen Filmproduzenten gelangt war, er also mit ihm, und nicht etwa wieder mit mir verhandeln mußte.
Das ist es, was ich an Keel damals bewundert habe: Er hätte aus Verärgerung ja auch auf das Manuskript verzichten können, zumal mit Gedichten nichts für ihn zu verdienen war, auch mit meinen nicht. Aber nein, er liebte die Poesie, auch wenn der Poet Hausverbot hatte.
Das Manuskript meines Romans ›Einer von der Straße‹, eine non-fiction-novel aus dem Milieu des Rotlichts und der Welt der Gangster und Spieler, lehnte er dann allerdings rundheraus ab. Schade! Wie gut hätte es zu einem Verlag gepaßt, dessen Slogan noch immer lautet: Diogenes-Bücher sind weniger langweilig.
Das Buch erschien dann 1992 beim Branchen-Giganten Bertelsmann, löste sofort Gerüchte und Skandale aus, war aber, gerade deshalb wohl, beim Publikum entsprechend erfolgreich. Was nahezu alle der einflußreicheren Kritiker nicht davon abhielt, das Buch (und den Autor gleich mit!) zu verdammen. Sonderbar! Warum eigentlich? Ich hatte mit diesem Buch gar nicht vorgehabt, ein literarisches Meisterwerk vorzulegen. Ich hatte eine gute, sehr gute Geschichte, die ich unkompliziert, spannend, mit dem Tempo eines Actionfilms erzählen wollte.
Für Flaubert war ein Buch "nie etwas anderes gewesen als eine Art und Weise, in irgendeinem Milieu zu leben"; und sei es das Milieu der Prostituierten - oder Dirnen, wie sie (eher liebevoll als abschätzig) zu dessen Lebzeiten genannt wurden. "Alles in allem sind mir diese Dirnen gar nicht so unangenehm. Sie heben sich ab von der Eintönigkeit, der Rechtschaffenheit, der gesellschaftlichen Ordnung, der Vernünftigkeit und der Regel. Sie bringen ein bißchen Tollheit in die Welt. Sie sind die losgelassene, nackte, ausschweifende und siegreiche Laune inmitten einer Welt freudloser Notare und Sachverwalter."

Die berühmten Stiefel


Nun gut, war ich halt weiter der bad boy, der Unberechenbare, der unreine Engel, der mit den Jeans und den Cowboystiefeln; vor allem die waren es, diese richtig teuren, aus Krokodilhaut handgefertigten Prachtexemplare texanischer Handwerkskunst, die manche Gemüter immer ein wenig verstörten, Kritikern aber mißfielen und sie zu gewissen kumpelhaften Kommentaren ermunterten (man duzte inzwischen, was ich schrieb!).
Was waren Geistesberufler doch manchmal für mürrische, selbstgerechte Gesellen! In der Tat, ich hätte kaum einen je zu einem Drink einladen wollen.
Nicht einmal ich selbst war darauf gefaßt, daß ich mit ›Das Mädchen und der Messerwerfer‹ (1996), einer in Verse gesetzten kleinen Geschichte über Zirkusleute, zur Poesie zurückkehren würde. Aber da war ich bereits nach Wien übersiedelt, wo dann gleich auch die letzte, endgültige Fassung der ›Kelly-Briefe‹ entstand, erschienen 1998 beim kleinen Verlag Matthes & Seitz.
Ich nahm Wien nicht als Stadt, sondern als Echokammer einer untergegangenen Welt wahr. Und es spielte Musik, unaufhörlich. Überall standen noch aus der Kaiserzeit übriggebliebene Kulissen herum, die Prachtbauten der Habsburger, die Palais' der Adligen, die geduckten Häuser der Vorstädte, und es spielte Musik, deren leise weinenden Wiederholungen ich mich überließ.
In rascher Folge schrieb ich Erzählungen und Romane, unter anderem ›Mozarts Friseur‹ ("Eines Tages betritt Mozart, übermüdet vom Nachruhm, in Wien einen Friseursalon!") und ›Mara‹,

Wondratschek in Wien

die Geschichte des berühmtesten und wohl auch teuersten, 1711 in Cremona von Antonio Stradivari gebauten Cellos (das ich eines Tages zufällig auf dem Arbeitstisch eines Wiener Geigenbaumeisters liegen sah), ein Musik- und Zeitgeschichte vermischendes Dokument, der Bericht eines Insiders, denn als Erzähler entpuppt sich niemand anderer als das Instrument selbst.
In Wien, wo im nahen Böhmen meine Vorfahren zuhause waren, lebe ich unter wechselnden Adressen und ohne jede Geselligkeit mit "Notaren und Sachverwaltern", bis heute, vorerst.