Gedichte

Viele von Wolf Wondratscheks Gedichten gehören zu den Klassikern der Gegenwart. Kaum ein anderer Lyriker hat eine vergleichbare Popularität erreicht. Sein Ruhm begann 1968, als er von der Darmstädter Jury als erster Preisträger überhaupt mit dem Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnet wurde.

Folgende Gedichtbände sind bei dtv und dem Hanser Verlag lieferbar:
» Die Einsamkeit der Männer. Carmen oder Bin ich das Arschloch der achtziger
   Jahre (dtv, 13332)

» Tabori in Fuschl (dtv, 13458)
» Chuck's Zimmer (dtv, 13576)
» Orpheus in der Sonne (Hanser, 20280)
» Lied von der Liebe (dtv, 13664)

Lesen Sie hier eine Rezension von Marcel Reich-Ranicki zu Wondratscheks Lyrik. Das darin besprochene Gedicht »Am Quai von Siracusa« ist in dem Gedichtband »Chuck's Zimmer« enthalten.


Man wird nicht Kultautor ohne Grund (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.08.2003)
von Marcel Reich-Ranicki

Als Wolf Wondratschek 1969 mit dem kleinen Prosaband »Früher begann der Tag mit einer Schußwunde« debütierte, schrieb ich in der »Zeit« in einer langen Kritik: »Dieser Autor gefällt mir.« Bedauert habe ich das nie, doch oft ist mir der Wondratschek auf die Nerven gegangen, vor allem mit einem seiner Lieblingsthemen. Er redet und schreibt gern und oft über Nutten und Bordelle.

Vor dreißig Jahren hing das mit seiner jugendlichen Auflehnung gegen die Welt der Erwachsenen zusammen. Irgendwann, dachte ich mir, wird auch er erwachsen werden und aufhören, uns mit seinem Lieblingsthema zu belästigen. Ich habe mich geirrt. Denn er wird in diesen Tagen sechzig Jahre alt, das ZDF widmete ihm aus diesem Anlaß ein ausführliches Gespräch - und wieder verbreitete er sich genüßlich über Nutten und Bordelle und wiederholte, was er der Nation schon häufig mitgeteilt hatte.

Aber man muß diesem Wondratschek viel vergeben, denn wir verdanken ihm eine Anzahl schöner, ja wunderbarer Gedichte. Er wurde zum Sprecher der 68er Generation. Nur: Die damals ihre Hoffnungen an die Studentenbewegung knüpften, stehen in seinen Versen - und darauf kommt es an - für alle Geprellten, Gestrandeten und Gescheiterten, für die Enttäuschten und Betrogenen. Nicht die Liebe besingt er, sondern die Sehnsucht, den Hunger nach Liebe. Er ist ein Poet des stillen Leids der kleinen Leute, der verpaßten Chancen und der großen Vergeblichkeit.

Als ich mich einmal mit Sebastian Haffner über zeitgenössische Lyrik unterhielt und Wondratschek lobte, fragte er mich mißtrauisch: Schreibt er moderne Gedichte oder richtige Gedichte?
Wondratschek wird von seinen Anhängern gern als Rock-Poet bezeichnet und als Autor von Pop-Texten gepriesen. Aber er weiß in der deutschen Lyrik Bescheid, er hat hier und da an Tucholsky und Walter Mehring angeknüpft, an Kästner und an Brecht. Doch wie groß seine bewußten und unbewußten Anleihen auch sein mögen - den ihm bisweilen nachgerühmten Wondratschek-»Sound« gibt es tatsächlich. Man wird nicht Kultautor ohne Grund.

Zu seinen schönsten Gedichten gehört »Am Quai von Siracusa« aus dem Band »Letzte Gedichte« von 1980. An die Drohung im Titel des Bandes hat sich Wondratschek glücklicherweise nicht gehalten. Das Gedicht ist insofern typisch für ihn, als es seine Entstehung, glaube ich, dem Trotz verdankt. Man hat den Eindruck, als würde Wondratschek uns sagen wollen: Wenn ich Lust habe, kann ich auch ein ganz und gar traditionelles Gedicht schreiben, ja sogar ein regelrechtes Sonett.


Wolf Wondratschek

Am Quai von Siracusa

Die Möwen lassen sich durch Winde fallen,
die Schiffe liegen wie auf Grund.
Das Meer steht still zu dieser Stund,
der dunkelsten von allen.

Kein Gast bewohnt im Grand-Hotel die Räume.
Verlassen stehn die Kaufmannshäuser da.
Hier ist die Schönheit ganz dem Ende nah
und ohne Trost selbst deine Träume.

Den Löwen sitzt schon Moder im Gebiß.
Katzen gebären in leeren Palästen. Und
durch das Lächeln der Madonna geht ein Riß.

Eroberer sind hier an Land gegangen.
Die Fischer halten ihren Fang. Die Stadt,
Vergangenheiten überhangen, von Anfang an.


Syrakus, italienisch Siracusa - da denken wir natürlich an August von Platen, den schwermütigen, den unglückseligen, den herrlichen Poeten, dessen trauriges Schicksal von der Knabenliebe und von der Männerfreundschaft bestimmt war. Seine Sonette gehören vielleicht zu den schönsten und vollkommensten, die je in deutscher Sprache geschrieben wurden.

Wondratscheks Gedicht erwähnt Platen nicht, sondern nur die Stadt, in der er gelebt hat und 1835 gestorben ist, in der er begraben liegt. Von dem Frechen, dem Smarten und Kessen, das für einen Teil der Lyrik Wondratscheks charakteristisch ist, findet sich hier keine Spur mehr. Und verzichtet der Protestsänger jetzt auf die von ihm so geliebte Provokation? O nein, gerade dieses Gedicht ist vom ersten bis zum letzten Vers eine einzige, eine imponierende Provokation.

Was hier provoziert, ist die Souveränität, mit der sich Wondratschek über alles Modische hinwegsetzt, ist, kurz gesagt, nichts anderes als die verblüffende Qualität dieser Verse. Die Beherrschung der Sonettform ist so vollkommen wie Reim und Tonfall von makelloser Natürlichkeit sind. Das Ganze ist so klar, daß man sagen kann: In diesem Gedicht zu Ehren von Platen braucht man nichts zu erklären, hier muß man alles bewundern.

Als ich Haffner Wondratscheks Gedicht vorlas, nickte er zustimmend und sagte beinahe gerührt: Wer hätte gedacht, daß ein solcher Autor ein solches Sonett schreiben kann. Eben, eben - antwortete ich dem großen Publizisten. Und beide waren wir zufrieden.

Dieser Auszug aus der Frankfurter Anthologie konnte mit freundlicher Unterstützung des Suhrkamp Verlags veröffentlicht werden.