Mara

Das berühmte Stradivari-Cello Mara erzählt aus seinem fast 300jährigen Leben.

»Ein Instrument als Ich-Erzähler. Die Idee allein hat schon etwas Pikantes, pizzicatohaft Pointiertes. Um daraus aber ein ganzes Buch zu machen, braucht es schon den Schwingungsreichtum einer vollbesaiteten Phantasie, den großen Resonanzraum der Poesie. Wondratschek hat ihn, keine Frage.«
Joachim Reiber in ›Musikfreunde - Zeitschrift der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien‹, Dezember 2005

»Ein Liebesschwur für die Kunst - Wolf Wondratschek verlässt die ausgetretenen Pfade der Erzählkunst und bringt ein Cello wunderbar zum Klingen.«
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Postkarte des Komponisten Wolfgang Riem an Wolf Wondratschek Das berühmte Cello ›Mara‹ mit dem ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel, Wolf Wondratschek und dem Cellisten Heinrich Schiff.

Postkarte des Komponisten Wolfgang Rihm an Wolf Wondratschek

Das berühmte Cello ›Mara‹ mit dem ehemaligen öster-
reichischen Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel, Wolf Wondratschek und dem Cellisten Heinrich Schiff.

Mara - Übersetzung ins Italienische Mara - Übersetzung ins Spanische Mara - Übersetzung ins Koreanische

Wolf Wondratscheks ›Mara‹ wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, darunter Italienisch, Spanisch und Koreanisch.

 
Ein Liebesschwur für die Kunst (Die Zeit, 25.09.2003, Nr.40)
Wolf Wondratschek verlässt die ausgetretenen Pfade der Erzählkunst und bringt ein Cello wunderbar zum Klingen

von Fritz J. Raddatz

Wolf Wondratschek war immer ein Gegen-Zeit-Geist; auf eine Automarke, auf die sich nun eine schreibende Generation kokett tauft, hätte man ihn schwerlich festlegen können.

Der schöne Sammelband seiner Gedichte Orpheus in der Sonne, kürzlich erschienen, führt das noch einmal vor, diesen störrischen Gestus eines Autors, der nicht im jeweils modischen Gleichschritt marschiert; etwa in dem berühmt gewordenen großen Carmen-Gedicht von 1986, das den todessüchtigen Tanz verteidigt gegen die allfälligen Gebote der Emanzipation:

Was wollen sie?

Dich über das Wesen der Männer aufklären?

Über Maßnahmen, sich dem Löwenhaupt ihrer Schwänze

zu erwehren? Und den Flamenco?

Sollst du ihn tanzen wie eine Predigt des Verzichts?

Deine Augen, sollen sie Sachlichkeit beschwören?

Nun legt er mit Mara eine Erzählung vor, die auf knapp 200 Seiten vieles vereint; sie ist Etüde, historischer Bericht, Liebeserklärung an die Kunst und Selbstzeugnis. Das Verfahren ist so einfach wie raffiniert: Wondratscheks "Held" ist ein Gegenstand, das Stradivari-Cello "The Mara", so genannt nach einem begnadeten Cellisten, der auf ihm brillierte. Diese freche kleine Volte ist bereits Absage an die tradierte Form des deutschen Entwicklungsromans; der führte ja von Wilhelm Meister über Effi Briest bis Buddenbrooks Personennamen im Titel; gab also psychologisierte Einzelschicksale, die sich in ihrer Zeit - oder gegen sie - formen, auch verformt werden: ob Werther oder Der grüne Heinrich. Es ging um die Erziehung des Menschengeschlechts. Gewissen, Seele, Moral spielten da die Hauptrolle (respektive ihr Gegenteil).

Diese Erhabenheit hat Wondratschek perfekt heruntergekühlt. Ein Gegenstand kann nicht erziehen, ein Instrument kann nicht psychologisieren, und wenn es - wie ein Cello - eine "Seele" hat, dann ist das ein Teil, das der Geigenbauer ihm eingesetzt hat. Wondratscheks Trick, ein Cello seine Jahrhunderte alte Geschichte erzählen zu lassen, gibt dieser Prosa etwas Objektives. Was natürlich ein Kunstgriff ist, denn es ist ja der Autor, der dem Musikinstrument Stimme leiht.

Ich lasse hier einmal außer Acht, was in der Erzählung historisch regelrecht ist, genau recherchiert und belegbar: wer die Cellisten, die Musikalienhändler, die lateinamerikanischen Millionäre waren, die das im Laufe der Zeit unermesslich teure Cello gleich einem weltberühmten Diamanten ihrer Sammlung einverleibten. Wenn die vielen Daten, Reisen, Tourneen, Konzerttriumphe, Weiterverkäufe und Fährnisse "stimmen", die "The Mara" erfahren musste: Hut ab vor dem Rechercheur Wondratschek. Aber für seine Prosakunst ist das letztlich unerheblich.

Erheblich indes ist, mit welch zarter Genauigkeit hier Welt widergespiegelt wird. Der Erzähler ist ja ein Instrument - sagen wir getrost: ein Seismograf -, und dieses Instrument hat für uns, die Leser, zahllose kleine Begebnisse, Absonderlichkeiten, verquere Mogeleien wie Klatschgeschichten eingefangen. Wondratschek mit zirzensischer Lust des Märchenerzählers, der das Unwahre im Wahren und das Unwirkliche im Realen aufdeckt, dreht die Funktion seines Cellos um: Das 1711 in Cremona in der Werkstatt von Meister Antonio Stradivari auf die Welt gekommene Gerät, entworfen, um Töne zum Klingen zu bringen - nimmt in der Erzählung Töne auf, Farben, Geräusche, Fließendes, Widriges. Es kann sich der wundersamen Handwerkerwerkstatt des "Vaters" erinnern, und es kann in hochmütiger Verwunderung die eigene Vollkommenheit infrage stellen; also denken: "Und in der Pause hören Sie sich einfach mal ein bißchen um unter den Besuchern, den Berufsabonnenten der großen goldenen Konzerthäuser, egal wo. Sie brauchen ja nicht gleich ins Schwärmen zu kommen, überlassen Sie das ruhig anderen. Fordern Sie nur, höflich natürlich, eine plausible Erklärung, was eine Stradivari heraushebt über den Durchschnitt anderer Spitzeninstrumente. Die werden Sie aber anschauen! Ach, wissen Sie, werden Ihnen die musikseligen, kein Konzert versäumenden Ruheständler antworten (und Sie nicht sehr freundlich, dafür aber von oben bis unten mustern, als hätten Sie kein Recht auf Anwesenheit), wissen Sie, Gott sei Dank gibt es noch ein paar Dinge auf dieser wenig beneidenswerten Welt, die einer Erklärung nicht bedürfen!"

Man hört das augenverdrehte Musik-Blabla der sich in der Pause ein Gläschen Sekt spendierenden Geigenlehrerinnen - und man ist auch selber ertappt in so manch arger Pseudoversunkenheit. Das Cello als Berichterstatter. Es schafft eine kleine Kulturgeschichte der gefinkelten Kenner, angeberischen Interpreten, geldgierigen Impressarios. Es ist das Prinzip starre Kamera, das wir aus den frühen Andy-Warhol-Filmen kennen; die Kamera (das Cello) ist unbeteiligt, es nimmt auf oder gibt wieder, was andere tun. Wie das Bild der Kamera leer wäre, zögen nicht die Schicken und die Schwankenden vorüber, eine Karawane von Daumier-Figuren: So bliebe das Cello stumm, würden ihm nicht mal streichelnd und betörend und mal malträtierend Töne entlockt. Die Kunst von Wondratschek besteht darin, aus diesen Tönen einen Chor von Stimmen zu fügen; und da er der Autor ist, da er das Cello erzählen lässt, mit hohem musikalischen Verstand übrigens, schafft er einen Klangteppich: ein Sittenbild, in dem die Lemuren tanzen und die Begnadeten sich beugen.

Wondratschek wäre nicht Wondratschek, wenn er sein so sicher beherrschtes Stilmittel des bösen Blicks nicht nutzte zum Klatsch, zu Invektiven, zu seinem Credo der Kunstbesessenheit. Klatsch ist leicht berichtet aus der Welt der Musik, in der Eifersucht, Ranküne und Hass wohl - falls das möglich ist - noch ausgeprägter sind als unter Literaten. Man weiß ja, wie angewidert Johannes Brahms die Musik von Franz Liszt als "Pest" hörte, die "die Eselsohren des Publikums verdirbt", derselbe Brahms, von dem nicht eine Note über die Schwelle in Wagners Haus dringen durfte. Safran macht den Kuchen gelb. Doch Wondratschek weiß sehr wohl, dass ein Kuchen nicht aus Safran bestehen kann. So habe ich das Wort Kunstbesessenheit nicht beiläufig gewählt. Ein letztes Zitat soll dem Leser, den ich zum Lesen des Buches verführen möchte, zeigen den schier wunderbaren Wortwirbel, den Wondratschek entgegensetzt dem abschätzigen Geraune über zeitgenössische Musik; "The Mara" kann ja, seit seine Saiten das erste Mal erklangen, sagen:

"Ich stehe seit meiner Geburt im Dienste zeitgenössischer Musik. Ich habe Türen knallen gehört wie Ohrfeigen. Ganze Stuhlreihen leerten sich unter schlurfenden Schritten, andere waren von Beginn an überhaupt leer geblieben. Macht nichts, macht doch nichts, denn seht! Oder hört, sage ich, und glotzt nicht! Und sitzt nicht da wie in nassen Socken. Es wird nicht mehr komponiert, um Schneiderrechnungen zu zahlen. Es tagt das Weltgericht. Die Schöpfung schrumpft, dem Adler gehen im Fluge die Federn flöten, es plumpst der Himmel unters Mikroskop. Sprengsätze gehen hoch in Spieldosen. Ein Schmetterling zeigt seine Krallen. Wenn ich jetzt nicht alles verwechsle, ist das spannend. Fliegt fort! Versucht, die Sonne zu fassen! Hört Ihr den Lärm, den die Rosen machen mit ihren Dornen. Wie laut das Innere aus den Bäumen bricht, und wie der Saft spritzt. Tod, schreit die Seele, sauf! Es dreht ein Fluch die Maulwürfe um unter der Erde. Es fallen Äste, die Schäfer erschlagen und Liebespaare, die da doch eben noch in ihrem reichen Schatten ruhten; das Publikum, zu Grabe getragen von Fröschen in Karnevalshüten."

Die kleine Textprobe zeigt Wondratscheks Meisterschaft: wie er es versteht, nicht über Musik zu reden, sondern Musik zum Gesetz seines Stils zu formen. Von Wolf Wondratschek gibt es viele Liebeserklärungen, wir wollen nicht aufzählen die damit Beladenen, mühselig nie. Seine Erzählung ist ein Liebesschwur: für die Kunst.

von Fritz J. Raddatz