Interview der Süddeutschen Zeitung (30.06.2006)

Wolf Wondratschek über die Seele
von Alexander Gorkow

Herr Wondratschek, zu Beginn ein sehr feines Zitat von Ihnen?
Zitieren Sie!
"An Fachgesprächen über meine Person bin ich nicht interessiert, nicht nach Sonnenuntergang jedenfalls." Allerdings ist es jetzt 21 Uhr. Das, was draußen noch leuchtet, ist nicht die Sonne, sondern die Reklame vom Getränkemarkt gegenüber. Also lieber kein Fachgespräch?
Die Person des Schriftstellers ist selten interessant, oder? Seine Bücher sind interessant, jedenfalls die besten darunter. Journalisten glauben es einfach nicht.
Ich nahm ja an, auf einen vom Leben zerstörteren Dichter zu treffen...
...und treffen auf einen, dessen Seele ein Königreich ist, eines aus Gold. In diesem Königreich sind auch kleine kostbare Mosaiken aus purem Schmutz zu finden, fast hätte ich gesagt: zu bewundern.
Reden wir mal über diese Seele?
Ich hoffe, ich kann was dazulernen.
Kollegen warnten mich: Ein falscher Satz, und er geht dir an die Visage.
Unsinn! Diese Angsthasen, die mit Verleumdungen und falschen Sätzen ihr Geschäft machen. Wie wollen Sie bei diesen Leuten Verständnis voraussetzen für schöpferische Leidenschaft? Außerdem sind sie, ihrer Karriere zuliebe, bestechlich, nehme ich an...
...Bestechung lassen wir uns bitte nicht vorwerfen. Das müssen Sie...
...nein, nein, die kriegen mich nicht.
Beschreiben Sie mir bitte das Königreich, das Ihre Seele ist! Und die Mosaiken aus Schmutz in dieser Seele.
Das ist ja nicht einfach, weil es immer mehr ein Reich der Erinnerung ist. Auch die Schmutzspuren leuchten inzwischen rein und gülden. Wie die meines ersten und gleich sehr komischen Zusammentreffens mit Hubert Fichte Ende der 60er Jahre in der Wohnung eines gemeinsamen Freundes auf St. Pauli, beide nackt, mit einer Erektion! Wir schüttelten, sonderbar schüchtern, einander die Hand. Ich drehe nun den Kopf in diesem Film und sehe mich, vielfach gespiegelt, in einem hohen Fenster mit Hans Werner Henze, sein Schenkel an meiner Schläfe.
Oh wei.
Oh wei? Naja. Das Schmutzige ist nicht das Gegenteil des Reinen, es hat sogar oft einen höheren Grad an reiner Wahrheit als das Offizielle, das Öffentliche. Auf mich hat Schmutz dieser Beschaffenheit immer Faszination ausgeübt. Was gleicht, frage ich Sie, dem Sinnenkitzel, den das Verbotene auslöst, was gleicht der Direktheit des Obszönen? Es sind die Melancholiker, die davon 'was verstehen.
Der "Zeit" sagten Sie vor einigen Jahren, Sie würden gerne Vorleser bei einer blinden russischen Großfürstin werden. So redet jemand, der genug hat, nicht wahr?
Nein, so sprach der Jüngling einst, als ihm der Schuldirektor das Abiturzeugnis aushändigte und sich nach meinem Berufswunsch erkundigte. Ich war 17 Jahre alt. Und ziemlich sicher, ein außergewöhnliches Leben vor mir zu haben.
Mit 17?
Natürlich.
Bob Dylan hat mal 'was Ähnliches gesagt. Ein Meister der Selbststilisierung.
Und doch war es nun mal so. Dafür brauchte ich ein Bild, eben das einer blinden Großfürstin, und wenn schon, einer russischen. Ich fühlte die Hand des Direktors schlaff werden, und in seinen Augen sah ich etwas Zorniges. Ich wusste, dass ich in seiner Welt nichts verloren hatte.
Sie wirken sonderbar heiter.
Das ist die Heiterkeit eines Menschen auf dem Heimweg. Kennen Sie das Zitat von Beckett: "Das Leben ist nichts als ein langer, ungewisser Heimweg"? Ich befand mich, seit ich die Schule hinter mir hatte, auf dem Heimweg. Und ich bin ja immer noch dabei, nach Hause zu kommen.
In Ihren "Kelly-Briefen" heißt es: "Ich beseitigte mich selbst, lief nach Hause und schloß mich dort ein." Ständig will der Wondratschek verduften - und dann taucht er doch wieder auf.
Bedauerlicherweise haben Sie recht. Deshalb ist auch der junge Mann, der seiner Geliebten Kelly aus New York Briefe nach Europa schreibt, eine meiner liebsten Erfindungen. Er taucht unter, und nur als Briefeschreiber wieder auf. Abwesenheit als Voraussetzung für absolute Liebe. Der Rest ist Schwerstarbeit. Es muss, was auf dem Papier steht, die Wirkung von Wahrheit entfalten!
Sie schreiben in den "Kelly-Briefen" auch: "Ich bin der Zertrümmerung durch jede Art von Ehrgeiz entgangen."
Ja, wenn man den Ehrgeiz, besser schreiben zu wollen als jeder andere, davon ausnimmt und akzeptiert, niemals auch nur annähernd entlohnt zu werden, weder durch Geld noch durch Anerkennung.
Ihr Ehrgeiz ist erloschen?
Ich baue auf den Ruhm post mortem. Man ruht, man lässt sein Lächeln in die Meere fließen...
Also, die Leute sagen: Der Wondratschek ist als Dichter, wenn er gut ist, sagenhaft gut. Aber er kann's ja nicht lassen, sich als Kotzbrocken zu verkaufen.
Kotzbrocken?
In der Art. Naja, nicht böse sein.
Genau das habe ich nie getan: mich verkaufen. Wahr ist: Ich bin nicht einmal bei denen beliebt, die mich lieben. Aber langsam dämmert mir, dass ich in meinem Auftreten zurückhaltender hätte sein können. Da habe ich Wirkungen doch unterschätzt, die Liebesgeschichten mit Huren oder Freundschaften mit Boxern in den Gehirnen von Journalisten ausgelöst haben. Aber wie neugierig dieselben Herrschaften waren, wenn ich mit Domenica oder meinem Freund Grupe in der Herbertstraße auftauchte! Am nächsten Tag haben sie mich in ihren Zeitungen dafür gescholten.
Okay, ein Journalist ruft Sie an: Was ist die klassische Frage?
"Wondratschek, der Boxer Dingsbums ist tot - schreiben Sie uns einen Nachruf?" Oder: "Wir planen eine Talkshow über käufliche Liebe und hätten Sie gerne dabei." Für die bin ich nicht Schriftsteller, sondern Experte für Randzonen.
Gehen Sie jetzt auf die Buchmesse? Einst, vor 100 Jahren, verteilten Sie dort Ihre Manuskripte und wurden ein Star.
Das überlasse ich meinen Verlegern, ich bleibe in Wien. Vor 100 Jahren, da war ich, wie Sie wissen, kurzfristig immer mal wieder mein eigener Verleger, das hat alles noch mächtig Spaß gemacht, und wie! Mich amüsiert das heute noch, wie ich da durch die Hallen ging und das selbst hergestellte Bändchen mit meinen Gedichten angeboten habe. Die haben mich angestarrt und aus Barmherzigkeit ein Exemplar für fünf Mark abgekauft. Kein Jahr später waren dieselben Gedichte Bestseller. "Chucks Zimmer" war der für lange Zeit meistgekaufte Gedichtband. Es gab kaum jemand, der ihn nicht las... Für viele bin ich bis heute der Autor dieser Gedichte geblieben.
Beschädigt der Betrieb die Seele?
Der Betrieb beschädigt die Betriebsamen. Die gehen mit ihrer Seele um wie mit allem: rücksichtslos. Dagegen habe ich mich immer sehr wohlgefühlt unter Menschen, denen ein Blick, eine Handbewegung genügt, um sich verständlich zu machen. Klar, dass man die in vergleichsweise menschenleeren Gegenden häufiger trifft. Es gab für mich nie einen Grund, eine Karriere als Akademiemitglied anstreben zu wollen. Keine Geselligkeiten mit Langweilern. Das sind Umwege, die ich mir erspart habe.
"... dass ich mir Qualen schuf, wo ich mir Heil erhoffte". Petrarca! Was sagen Sie jetzt?
Die nächste Flasche Wein geht auf mich.
Wieso lassen Sie den Kritikern eigentlich nicht ihren Job? Die machen ihre Arbeit.
Hören Sie: Das sind Texter, weiter nichts.
Vor nicht langer Zeit saßen Sie bei "3 nach 9" dem Kritiker Denis Scheck gegenüber. Täuscht der Eindruck, dass Sie ihm gerne Gewalt angetan hätten?
Ich kannte den Mann nicht. Ich wusste aber auf Anhieb, dass ich ihn auch nicht kennenlernen wollte.
Er hatte Ihnen nichts getan, glaube ich.
Ich empfand seine Anwesenheit als Zumutung. Unverständlich die Popularität dieser Zweitverwerter. Aber ihre Pfeile treffen weder mich noch meine Kunst.
Wieso sind Sie in die Sendung gegangen? Sie sagen sowas doch sonst immer ab.
Dem lieben und sympathischen Giovanni di Lorenzo zuliebe, der diese Sendung moderiert. Wobei mir allerdings nicht klar ist, warum er sich das antut.
Lesen Sie, was Gegenwärtige wie Daniel Kehlmann schreiben, oder dieser neue aufstrebende Dings, na, wie heißt er...
...Günter Grass.
Ah, Grass und die SS. Was sagen Sie?
Ich habe zu Günter Grass überhaupt gar keine Meinung. Wirklich nicht. Ich habe auch noch nie eine zu ihm gehabt.
An was arbeiten Sie gerade?
Demnächst erscheinen "Die weißen Jahre", meine gesammelten Reportagen und Storys, und dafür will ich ein Nachwort schreiben. Erinnerungen an Leute wie John Huston, Malcolm Lowry und Nelson Algren. An Rainer Werner Fassbinder. Schöne Jahre. Ich war auf Reisen, trieb mich 'rum, unbekannte Kontinente, nie gesehene Landschaften, Menschen, alle Exemplare von Menschen. Und ich war, bei allem, was ich tat: Anfänger.
Auch schöne Jahre für die Liebe?
Schöne Jahre auch für die Liebe, oh ja! Die war damals noch, was sie sein sollte: ein in täglicher Anwendung erprobter Zustand höchster Einfachheit.
Ein neues Buch in Arbeit?
Ach, reden wir nicht von den Büchern. Die kann man ja kaufen und lesen. Gerade erscheint bei dtv eine, wie ich finde, gut gemachte Gesamtausgabe. Die hält 50 Jahre. Danach entscheidet sich, was es mit meiner Kunst auf sich hatte.
Wieso entscheidet es sich nicht heute?
Nein. Nicht heute. Heute schreien nur alle durcheinander.
Okay, was ist eigentlich ein Misserfolg?
Wenn sich das Glück des Gelingens nicht einstellt und ich nicht dahinterkomme, woran es liegt. Wenn ich eine Erzählung, die ich liebe, wegschmeißen, einen Roman einmotten muss. Weil ich versagt habe. Wenn ich nicht jene Art Helligkeit im Kopf erzeugen kann, um die Luftspiegelungen im Labyrinth meiner Gedanken genau genug entziffern zu können. Das ist durch nichts beeinflussbar, da kannst du so viel Kaffee saufen wie Balzac! Davon erfährt keiner was. Du bist der nutzloseste Mensch. Alles andere ist Erfolg. Wenn ich ein Manuskript beende und zur Veröffentlichung freigebe, ist das - egal, was Kritiker sagen - ein Triumph. Es genügt, ihn zu genießen, notfalls allein mit meinen Lesern.
Wieso waren nur die Anfängerjahre schöne Jahre für die Liebe? Sagten Sie eben.
Tja, wir waren schön und jung und brauchten wenig Schlaf und konnten die Nächte durchmachen, nicht? Wir waren leicht und unzerstörbar. Das Leben war das Risiko, es aufs Spiel zu setzen. "Morgen, ach morgen muss alles vergehn", wie es im Lied des Harfenmädchens von Theodor Storm heißt.... Leider ist heute bereits übermorgen.
So, jetzt zitiere ich aus Ihrem schönen Gedicht "Die Einsamkeit der Männer": "Liebende verlieren sich; / kaum daß sie einander nahe spüren, / sind sie Fremde / und sie gehen unversöhnlich / Wege, die in Labyrinthe führen".
Stimmt. So ist es.
Muss es denn so sein?
"So ist die Lieb und war immer so." Je weher, desto besser! Das muss man wissen, dass die Liebe wehtut wie nur die Liebe. Ich spüre das bis heute. Trotzdem bin ich erstaunlich heil geblieben. Vielleicht liegt's an der Abendsonne, die mich und meinen Weg bescheint: ich erlebe gerade, was man einen unverkennbaren Fall erwiderter Liebe nennen könnte.
Dann haue ich Ihnen jetzt noch ein Kompliment um die Ohren. Die schönsten, ja hoffnungsvollsten Sätze über die Liebe, die die gesamte Menschheit je vernahm, sie kommen nämlich von Ihnen.
Ich höre.
Hier: "Du siehst, auch ich versuche zu schrumpfen, auf die kleinste Größe. Und eines Tages werden wir beide einen einzigen kleinen Punkt bilden, am Ende einer schönen wahren Geschichte." Und Sie wollen nicht dran glauben, an die Liebe? Ich glaube Ihnen ja kein Wort!
Mir müssen Sie nichts glauben, aber glauben Sie Ihrer Begeisterung für die Sätze, die ein Schriftsteller zu Papier bringt. Vielen Dank für Ihr Kompliment, es freut mich aufrichtig. Warum lesen wir, wenn nicht deshalb?
Was denken Sie, wenn Sie Liebespaare sehen, sagen wir: im Englischen Garten...
Mir wird schlecht, wenn ich Liebespaare sehe.
Wie bitte?
Ja, ja, diese kleine klägliche Angst, die alle beherrscht - und die sie nach der ersten Nacht Liebe nennen.
Müssen wir, damit die Liebe gelingt, erst getrennt auf den Punkt schrumpfen? Oder geht das auch gemeinsam?
Auf den Punkt schrumpfen? Nur allein! Der Punkt als Zeichen höchster Einfachheit. Er entfaltet keinen Prunk, keine Pracht. Er ist, gebündelt und stark, ganz bei sich, er ist das Zentrum. Die Liebe, daran glaube ich, liebt Einzelgänger...
...oh, Eichinger betritt das Lokal!
Der Bernd! Dass er ausgerechnet jetzt kommt, wo wir über die Liebe reden!
Ich bin auch ganz bewegt.
Kennen Sie ihn?
Kennen? Nein. Aber wir wurden uns mal zufällig in einer Bar vorgestellt.
Wie verlief der Abend?
Ich musste den Kerzentest machen! Wer kann länger die Hand über die Kerze halten. Ein Männlichkeitstest, nehme ich an.
Und?
Ich habe ihn natürlich gewinnen lassen. Ich leg mich ja nicht um drei Uhr früh mit unserem mächtigsten Filmproduzenten an. Und Sie? Ist es noch Freundschaft?
Wir waren lange genug in dieselbe Frau verliebt, was die schönste Art ist, Freundschaft zu schließen. Unserer Sinnesart nach sind wir beide Romantiker, weshalb keiner auf den anderen eifersüchtig sein konnte. Bis auf den Moment, als ich mein Carmen-Gedicht fertig hatte. Deshalb hat er es auch gekauft, er musste etwas, das ihm nicht gehörte, besitzen. Er ist wie ein Bruder. Ich verstehe seine Seele.
Wie bitte kauft man ein Gedicht?
Wir waren hier, im "Romagna Antica", und haben meine Lesung gefeiert. Bernd schickte seinen Chauffeur los, und der kam nach einer halben Stunde wieder, weiß Gott woher, mit einem Briefumschlag voller Scheine. Ein Abend erregender Turbulenzen, ganz nach meinem Geschmack! Ich brauchte Geld. Er wollte dieses Gedicht haben, unbedingt, er wollte es wie einer, der getrunken hat, eine Frau will. Da war sie wieder, meine blinde reiche russische Großfürstin...
Kann jetzt zum Beispiel ich den Satz mit der Liebe und dem kleinsten Punkt auch kaufen? Was kostet denn sowas?
Ich ruf' Sie an, wenn ich Geld brauche.
Sie sehen gut aus. Halten Drogen frisch?
Ha, erst ein Kompliment zum Einwickeln, und dann soll der Wondratschek mal plaudern, was? Heiliges Terrain! Ein Idiot, der hier ins Plaudern käme.
Na los, unter Betschwestern...
Ich wär' halt immer gern ein Vogel gewesen. Im Übrigen wollte ich mir, was meine Funktionstüchtigkeit in einer bürgerlichen Welt angeht, keine Meriten verdienen. Ich hab' dann eine andere Strategie entworfen, um an den Kuchen der Kunst zu kommen. Irgendwer, irgendwas musste meinem Verstand beibringen, dass er nicht der Chef ist. Man muss sich wehren, man muss versuchen, den Zustand der Rätsel und Offenbarungen zurückzuerobern. Auch der Verstand braucht ja etwas, das er nicht versteht.
Nehmen Sie noch Drogen? Ich sehe hier nur Rotwein, Zigaretten...
Nein, nein. Auf meinem Heimweg gibt's keine Dealer, keine Apotheken. Hin und wieder betrete ich eine Bar. Aber nur, um ein Gefühl wiedererinnern zu können, das mir mal zu Recht viel bedeutet hat.
Weshalb zu Recht?
Trunkenheit war ja eine herrliche Sache! Sie ist es heute noch. Es kommt auf den Unterschied an: Nicht jeder, der säuft, wird mit Trunkenheit belohnt. Manch einer ist irgendwann einfach nur besoffen.
Der Rausch ist schmerzlindernd, so einfach ist das, nein?
Nichts ist einfach - der Rausch nicht und noch weniger die Ekstase, die unsere Kräfte oft genug überfordert. Ohne Disziplin ist Phantasie Zeitverschwendung.
Dann mal eine Frage fürs Seminar: Herr Wondratschek, inwiefern verdanken wir Ihr Werk den Drogen?
Als ich Anfang der 70er Jahre nach München kam, saßen wir wie die Kinder in der Küche und kifften. Liebenswert, freundlich, harmlos. Ihr Kinderlein, kifft! Ich hatte allerdings nicht das Gefühl, dass wir dem Zustand der Erleuchtung nahe waren.
Kam die Erleuchtung denn noch? Es gibt da unter den Veteranan absolut unterschiedliche Auffassungen.
Nun, um das Problem der ausbleibenden Erleuchtung zu beheben, gingen viele dann nach Indien zu Bhagwan, nicht wahr? Nach Poona.
Das Resultat?
Das Resultat war, dass sich in München die Wohnungen leerten.
Was für eine sehr prägnante Zusammenfassung von 1968 und den Folgen: Leere Wohnungen in München!
Exakt. Plötzlich hatte ich in Schwabing statt nur einem sechs, sieben Zimmer! Nur für mich! Ungestört war ich auch. Und die Haschischvorräte haben sie auch da gelassen. Eine produktive Zeit.
Welche Kunst verdanken wir Drogen?
Paracelsus sagt: "Alle Dinge sind Gift, und kein Ding, das ohne Gift ist, allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist." Man muss also mit der Dosierung aufpassen. Kein Kinderspiel. Und noch etwas ist unerlässlich: die Kraft zu respektieren, der man sich ausliefert, die in einen eindringt und die mit Nutzen und Gewinn zu bändigen es bestimmter Rituale bedarf. Ernst Jünger und Aldous Huxley, Genet und Byron waren die Autoren, die davon etwas verstanden. Es handelt sich ja schließlich nicht darum, nur einer Laune zu huldigen. Wer nicht von der Wirkung einer Droge schockiert ist, hat sie nicht verstanden.
Hört man nicht auf mit so was, wenn die Kinder kommen?
Man hört mit so was auf, wenn die Arbeit getan ist. Meine ist getan. Ich wünsche keinem Kind einen Drogensüchtigen zum Vater. Aber ich halte auch nichts von Vätern, die lügen. Ich habe gekostet von der süßen Blume des Todes, und ich bereue nichts.
Bleiben wir zum Abschied pathetisch und heiter. Was soll auf Ihrem Grabstein stehen? Keine Fachgespräche über meine Person nach Sonnenuntergang?
Nichts! Name, Geburts- und Todesdatum. Das ist aber nicht das Problem.
Was ist das Problem?
Der richtige Ort. Erde, Luft oder Wasser. Ich habe den Ort, an dem ich tot sein will, noch nicht gefunden.
Wolf Wondratschek, 63, spaltet seit 40 Jahren die Buchbranche. Volker Weidermann nennt ihn in seiner Literaturgeschichte "Lichtjahre" (2006) einen "ebenso größenwahnsinnigen wie großartigen Dichter". Von Beginn an begab sich Wondratschek mit einer an die Lakonie von Songtexten erinnernden Lyrik und Prosa in Opposition zum Markt, auf dem er gleichwohl früh große Erfolge feierte. Der "Deutsche Taschenbuchverlag" (dtv) veröffentlicht seit einem Jahr sein Gesamtwerk in sehr schön editierten Einzelausgaben. Schon erschienen sind unter anderem der viel kritisierte Roman "Einer von der Straße" über die Rotlichtgröße Walter Staudinger, "Mara" sowie die gefeierten "Kelly Briefe" und, in einem Band, die Lyrikbände "Die Einsamkeit der Männer" und "Carmen". Wolf Wondratschek lebt in Wien.
Er wünscht sich einen recht versteckten Tisch im Schwabinger Lokal "Romagna Antica".